Reportagen

Das Geschäft mit dem Tod: Second-Hand-Bomben in Syriens Nordwesten

Eine Koproduktion von Syria Direct und Syrian Voice
Von Mahmoud a-Shimali
HAMA: Wenn Mohammed einen Blindgänger auf einem Feld findet, bricht er ihn auf. Er benutzt Hammer und Meißel, er muss er vorsichtig sein, damit das teure TNT darin nicht explodiert, damit er das überlebt. „Man darf auf keinen Fall elektronische Werkzeuge verwenden“, erklärt der 28-Jährige Syrian Voice.
Mohammed, Vater eines Kindes, verdient sein Geld mit dem Verkauf von Blindgängern aus dem Sahel al-Gharb, einer strategisch wichtigen Ebene zwischen Assads Küstenfestung Lattakia und den Rebellenhochburgen Hama und Idlib. Splitterbomben, Minen, Mörsergranaten liegen verstreut auf den Feldern der Gegend, denn hier liegen die entscheidende Schlachtfelder, hier greifen das Regime und die russische Luftwaffe an. Viele Bewohner der Gegend haben aus den Minen- und Bombenfeldern, die sie umgeben, ein Geschäft gemacht; sie sammeln Sprengstoff und Schrapnell aus den Blindgängern, um es an Bombenbauer zu verkaufen. Die füllen damit bereits verwendete Munitionshülsen der lokalen Milizen.
Bei einem Kilopreis von umgerechnet 2,57 US-Dollar kann man nicht reich werden als Sprengstoffsucher. Abu Ibrahim verdient höchstens 130 Dollar mit seinem lebensgefährlichen Job, manchmal bloß 25 Dollar – kaum ausreichend für seine sechsköpfige Familie, obwohl er und sein Neffe schon mal 50 Kilo TNT im Monat einsammeln. Bei ihrem Geschäft kommt es auch auf die Größe der Bomben an: je größer, desto mehr Sprengstoff, desto mehr Geld. Am meisten gibt es für Fassbomben, in einer einzigen stecken bis zu 200 Kilo TNT.
Es ist schwer zu sagen, wie groß das Arsenal aus Second-Hand-Bomben ist. Vor Ort geht man davon aus, dass weniger als 20 Prozent der von den lokalen Rebellen eingesetzten Munition mit recyceltem Sprengstoff gefüllt ist. Jedenfalls ist das Geschäft mit dem Tod eine wichtige Zusatzeinnahmequelle für die Bewohner des Sahel al-Ghab. Nebenbei werden die Felder ein bisschen geräumt, erklärt Abu Khaled, ein Kämpfer der Failaq a-Scham. Die Bewohner der Gegend freuen sich. So erzählte der Bauer Abd a-Razzaq al-Hassan Syrian Voice, wie froh er ist, dass man die Blindgänger räumt. Nach einer Schlacht war sein Feld davon übersät.
Aber die Gefahr durch international geächtete Splittermunition, die in der Gegend häufig von den Russen und Regimetruppen eingesetzt wird, wird durch die Arbeit der Sammler kaum gemindert. Die Sprengwaffen sind besonders gefährlich auf Feldern und Weiden, weil bis zu 70 Prozent auf dem weichen Grund nicht explodieren, heißt es in einer Studie des Center for Civilians in Conflict (CIVIC). Von Splittermunition lässt Abu Ibrahim die Finger, sagt er, das Risiko sei viel zu groß und außerdem habe er dafür nicht das richtige Werkzeug. Niemand weiß, wie viele Menschen beim Öffnen der Splitter-Blindgänger gestorben sind. Internationale NGOs hüten sich davor, Werkzeuge zur Verfügung zu stellen oder gar ein spezielles Training anzubieten; sie fürchten, dass die Bewohner ihre eigene Munition bauen könnten. Viele der Opfer dieser perfiden Waffen sind einfache Bauern, die auf ihre Felder zurückkehren. Abu Ibrahim glaubt: „Es wird lange dauern, bis die Leute hier wieder ihre Felder pflügen können.“
Übersetzung: Thore Schröder / Madeline Edwards

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