Reportagen

Kampf gegen den Schmuggel mit Kulturgütern: “Freiwild für alle”

Ein gemeinsamer Artikel von Syria Direct und Syrian Voice

Von Rami al-Khattib, Alaa Nassar, und Justin Clark

IDLIB: Spät in der Nacht läuft Abdelrahman mit einem Metalldetektor durch das antike Apamea. Erbaut von den Seleukidenherrschern vor 2300 Jahren war dies einmal ein Ort, an dem Besucher den Reichtum eines Imperiums bewundern konnten, das sich vom antiken Anatolien bis zum heutigen Pakistan erstreckte. Im Verlauf der vergangenen Jahrtausende war die antike Stadt unter anderem in den Händen von Rom und Byzanz. Heute liegt sie im Nordwesten Syriens, im Frontgebiet zwischen Regierungs- und Oppositionstruppen.

Apameas Kolonnadenstraße war einst die längste der antiken Welt und später eine von Syriens wichtigsten Touristenattraktionen. Heute sind die Touristen fort, der Ort dem Verfall überlassen – und den Raubgräbern. Einer von ihnen ist Abdelrahman. Er und die anderen Raubgräber buddeln und schaufeln auf dem ganzen Gelände nach antiken Schätzen, die Fläche erinnert an eine Mondlandschaft.

Wenn der 30-Jährige Glück hat, kann er mit dem Verkauf seiner Funde 300 bis 500 US-Dollar verdienen. Das ist ein gutes Einkommen im von der Opposition kontrollierten Idlib, wo das Monatseinkommen selten über 75 Dollar liegt.

Apamea liegt auf der Grenze zweier Provinzen; Idlib wird von der Opposition kontrolliert, Hama von der Regierung. Abdelrahman und seine kriminellen Kollegen können nur nachts arbeiten, im Schutz der Dunkelheit. Wenn das Regime sie fasst, könnten sie zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt werden, die Islamisten der Opposition könnten ihnen die Hände abschneiden. Aber, meint Abdelrahman, der Lohn sei das Risiko wert: “Einmal habe ich mit einer einzigen antiken Münze 500 Dollar verdient! Natürlich ist das nicht immer so, manchmal graben wir wochenlang ohne etwas zu finden.”


Eine der ausgegrabenen Münzen von Abdelrahman Credit: Abdelrahman.

Wenn er erfolglos gräbt, fühlt sich Abdelrahman “hoffnungslos”,sie machen jedoch stets so lange weiter, bis sie etwas finden, was sie verkaufen können. “Natürlich fühle ich mich schuldig, wenn ich einen Teil der Geschichte meines Landes verkaufe”, sagt er zu Syria Direct, “aber ich fühle mich noch schuldiger, wenn ich meine Kinder hungern sehe.”

Der junge Mann ist nur ein kleines Rad in einem großen Getriebe: Dealer und Mittelsmänner haben Kontakt gleichermaßen zu Rebellen, sowie zum Regime. Die heiße Kulturware wird in den Libanon oder in die Türkei geschmuggelt und landet auf einem gewaltigen Schwarzmarkt, wo reiche Kunden aus Europa, den USA und den Golfstaaten einkaufen. Das Netzwerk von Grabräubern, Schmugglern und Dealern ist verantwortlich für die Ausschlachtung und Zerstörung von Syriens historischen Stätten. Aber es gibt auch eine ebenso vielfältige Gruppe von Aktivisten, Archäologen und UN-Mitarbeitern, die das verhindern will.

Dr. Amir al-Azm ist einer dieser Idealisten. Er ist Privatdozent an der Shawnee State University in Athens (Ohio) und kommt ursprünglich aus Damaskus. (LESEN SIE DAS GANZE INTERVIEW, AUF ENGLISCH, HIER.)

“Seit 2012 sehen ich und meine Kollegen, inner- und außerhalb Syriens, diese Zerstörung unseres kulturellen Erbes”, sagt er zu Syria Direct. Der in London ausgebildete Archäologe hat von 1999 bis 2004 für die syrische Antiquitätenbehörde gearbeitet. Danach lehrte er an der Universität Damaskus und zog schließlich in die USA. Jetzt arbeitet al-Azm mit der Heritage Protection Initiative, einer Gruppe von Archäologen und besorgten Syrern, darunter viele seiner früheren Studenten, die etwa versuchen, Museen bombensicher zu machen und die Schmugglerrouten nachzuvollziehen.

“Freiwild für alle”

Der Schwarzmarkt für Kulturgüter ist eine wichtige Einnahmequelle für militante Gruppen wie den sogenannten Islamischen Staat; jährlich nehmen sie mehrere Millionen Dollar damit ein, wie das US-Außenministerium im vergangenen September erklärte. Aber es ist nicht nur der Islamische Staat, der vom Ausverkauf der syrischen Geschichte profitiert. “Der Markt ist offen. Das ist Freiwild für alle. Das Regime ist genauso involviert. Die Verstrickung von Beamten und ihren Kumpanen ist umfangreich dokumentiert”, sagt der Archäologe, “einige ihrer Häuser sind regelrechte Museen, ich habe es selbst gesehen.”

Der An- und Verkauf von Kulturgütern war einst ein Privileg für die Reichen und Privilegierten, heute laden die ungeschützten historischen Stätten ein zu “Versorgungsplünderungen”, wie al-Azm es nennt: Menschen werden zu Raubgräbern, weil es sonst kaum etwas zum Überleben gibt.

Seit 2012 arbeitet al-Azm mit Kollegen der The Day After Association – einer syrisch geführten initiative für den “demokratischen Übergang” – die Bewahrung des Kulturerbes. Als Zusammenschluss von Archäologen, Museumskurateuren und Aktivisten hatten sie Erfolge zu verzeichnen, sagt al-Azm. Im Frühjahr 2016 koordinierte er eine Gruppe von Archäologen in der Provinz Idlib, um das Maarat al-Numan-Museum zu sichern. Es war von einer Rakete des Regimes getroffen worden, die auf 2000 Quadratmetern ausgestellte, kostbare Mosaikensammlung war ungeschützt gegen Plünderungen. Die Fachleute fürchteten weitere Einschläge. Kurateure und Aktivisten vor Ort in Maarat al-Numan brachten die kostbarsten Stücke an einen sicheren Ort und schützten die anderen Mosaike unter chemischer Abdichtung und Sandsäcken. Als weitere Geschütze einschlugen, waren die Schätze gesichert.


Apameas berühmte Kolonnadenstraße im Jahr 2011 (oben) und 2012, nach dem Ausbruch des Krieges und übersät mit von Raubgräbern geschaufelten Löchern. (Credit: Google Earth, Digital Globe)

Ayman Nabu, der in al-Azms Initiative arbeitet und das Antiquitätenzentrum im freien Idlib leitet, sagte zu Syria Direct nach der Rettungsaktion: “Unsere Strategie war erfolgreich.” Solche kleinen Aktionen können einen großen Unterschied machen beim Schutz von Syriens großartigem Kulturerbe, sagt Dr. al-Azm: “Wenn man uns 5000 Dollar gibt, können wir damit ein Museum sichern und Menschen elf Wochen lang Arbeit geben. Ironischerweise sind darunter dann auch Menschen, die sonst als Raubgräber arbeiten, erzählt al-Azm: “Wenn ich mit einem meiner Projekte daherkomme, sage ich zu diesen Leuten: “Hey, anstatt jede Nacht mit deinem Metalldetektor herumzulaufen, kannst du auch für mich arbeiten. Dabei fühlst du dich besser und verdienst in etwa das gleiche. Viele arbeiten dann tatsächlich für uns. Ein kleiner Einsatz hat eine große Hebelwirkung.”

Die meisten geraubten Kulturschätze landen, auf dem einen oder anderen Weg, bei Privatsammlern in Europa oder am Persischen Golf, sagt Edouard Planche, Kommunikationsdirektor bei der UNESCO in Paris. Obwohl eine UN-Resolution von 1970 den illegalen Handel mit Kulturgütern und Antiquitäten verbietet. “Zurzeit besteht zudem ein Moratorium für den Handel mit Stücken aus Syrien und dem Irak”, sagt Planche, “aber wenn sie sehen, wie groß das Geschäft immer noch ist und wie viele tausend Gegenstände auf dem Markt landen, merkt man erst, wie groß die Aufgabe ist, das zu kontrollieren. Es ist ein Puzzle mit sehr vielen Teilen.”

Eines dieser Teile ist Abu Tariq. Im von Rebellen gehaltenen Idlib kauft er das, was Männer wie Abdelrahman ihm bringen. Der Handel geht weiter, obwohl die dort regierende Koalition von islamistischen Hardlinern den Handel verboten hat und Mitglieder der Day After Initiative mit ihnen die Kodifizierung des Verbots in lokalem Recht verabredet haben. Ein formelles Dekret – al-Azm nennt es “eine Fatwa” – wurde erlassen.

Ein Offizieller der Daesch al-Fatah, der Armee der Eroberung, die in der Region das Sagen hat, erklärte gegenüber Syria Direct, dass eine Gruppe von Plünderern verhaftet wurde. Ein Richter der Gruppe sagte dagegen, dass der Antiquitätenhandel erlaubt ist – solange eine Teil des Erlöses an die Lokalregierung abgeführt wird. Händler Abu Tariq sagt, dass seine Geschäfte nicht betroffen sind: “Wir arbeiten mit einem Dealer im Libanon und schmuggeln über die Türkei. Vom Libanon aus verkaufen wir an Museen und weitere Händler in Europa.” Die Identifizierung der Käufer sei schwierig, sagt UNESCO-Sprecher Planche: “Wir stehen in Kontakt mit Kunsthändlern, die wir als wichtige Sammler in Europa und dem Nahen Osten identifiziert haben. Wir versuchen mit ihnen und der CINOA (International Confederation of Dealers in Works of Art) zusammenzuarbeiten, aber das dauert.”

Die Mittel der UNESCO beim Kampf gegen den Schwarzhandel sind limitiert. Es gibt zwar ein Verbot durch die UN-Resolution, aber letztlich kann die Organisation auch nur für Aufmerksamkeit sorgen und sich mit Regierungen und Strafverfolgungsbehörden koordinieren. Wenn ein Staat nicht willens oder in der Lage ist, UNESCO-Empfehlungen umzusetzen, gibt es keine Druckmittel.

“Eine Rolle spielen”

Im vergangenen März besuchte eine Gruppe von UNESCO-Beobachtern Palmyra im Osten Syriens, nachdem Regierungstruppen die Stadt vom IS zurückerobert hatten. Die Zerstörungen – darunter Sprengungen Jahrtausende alter Attraktionen vor laufender Kamera – sind gut dokumentiert. Die UNESCO-Mission war es, die Listen erstellen und Proben nehmen ließ. Danach erklärte die Organisation, schon dafür sei eine konzertierte, kooperative Anstrengung “aller Seiten” notwendig. Die russische UNESCO-Botschafterin Elenora Mitrofanova erklärte, dass ihr Land “unter der Leitung und Koordination der UNESCO” für den Schutz und Wiederaufbau arbeiten würde. Tatsächlich haben die Islamisten die Wüstenstadt seitdem wieder zurückerobert und weitere Monumente gesprengt.

Auf das Regime allein könne man sich ohnehin nicht verlassen, sagst Amir al-Azm: “Etwa 70 Prozent des Staatsgebiets sind nicht unter seiner Kontrolle.” Beim Schutz von Apamea und anderen Stätten “kommt es auf lokale Aktivisten und nicht-staatliche Akteure an”, sagt al-Azm, “sonst gibt es da gar keine Kontrolle.”

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