Reportagen

„Entweder sie verlassen Madaya oder sie sterben“: Nierenversagen in der belagerten Stadt

Von Abdelwahhab Ahmed und Justin Clark
DAMASKUS: Im von Regierungstruppen belagerten Madaya, 40 Kilometer nordwestlich von Damaskus, sterben zwei Dutzend Menschen einen langsamen Tod. Ihre Nieren versagen.
Ali Ghassum ist einer der Kranken. Er ist 28, früher gehörte ihm ein kleines Lebensmittelgeschäft. Heute kommt er nicht mehr alleine aus dem Bett, seine Schwester und seine Mutter geben ihm die Infusionen, die seinem Körper zumindest die wichtigsten Nährstoffe geben.
Aber dem Ort gehen die Medikamente aus, zuletzt auch die Schmerzmittel, die Ali Ghassum so dringend braucht. Deswegen hat ihn seine Mutter zuletzt sogar in eine Narkose versetzt, damit er wenigstens schlafen kann. „Es schmerzt so sehr, das eigene Kind sterben zu sehen und vollkommen machtlos zu sein“, sagt sie zu Syrian Voice, „nur Gott hält ihn noch am Leben.“
Der jüngste Anstieg von Nierenversagen ist eine direkte Folge der Belagerung, sagt Dr. Mohammed Darwisch. Er ist eigentlich Zahnarzt, aber heute sind er, sowie ein anderer Zahnarzt und ein Tierarzt, die einzigen medizinischen Fachleute für die 40000 Einwohner Madayas. Ali Ghassun hatte eine behandelbare Form von Nierenversagen, die nun aber lebensgefährlich geworden ist, erklärt der Mediziner: „Er hat die Hälfte der Flüssigkeit, die er zu sich genommen hat, wieder uriniert. Aber in den letzten paar Tagen ist die Flüssigkeit in seinem Körper gefangen, er kann gar nicht mehr urinieren.“
Das ist eines der Symptome von Nierenversagen, außerdem leiden Patienten an geschwollenen Armen und Beinen, sowie Übelkeit und Erbrechen. Schließlich fallen sie in ein Koma und sterben. Ghassun hat große Schmerzen. Er weiß, dass er „nur noch wenige Tage hat“, erzählt seine Schwester Rula.
Hilfslieferungen kommen nur unregelmäßig und selten in die Gegend von Madaya. Wenn es Nahrungsmittel gibt, sind diese voller Stärke und enthalten wenig Protein. Aber ohne Vitamine, Mineralien und andere Nährstoffe versagen die geschädigten Nieren ihren Dienst. „Die Zahl der Nierenversagen steigt ständig“, sagt Dr. Darwisch.
Madaya und die ebenfalls belagerte Nachbarstadt Zabadani, sowie die von Rebellen gehaltenen Städte Idlib, Kafraya und al-Fuaa waren alle durch ein Waffenstillstandsabkommen, das  sogenannte „Vier-Städte-Abkommen“, miteinander verbunden. Ausgehandelt wurde es vom Iran und der Dschaisch al-Fatah, der größten Oppositionsgruppe in Nord-Syrien.
So konnten Hilfslieferungen und Evakuierungen für die von Regimetruppen und Hisbollah belagerten Städte ausgehandelt werden, das gleiche galt im Gegenzug für von Rebellen belagerten Regime-Ortschaften; die Aktionen erfolgten zeitgleich. Doch seit dem Endkampf um Aleppo und die Evakuierungen aus der Großstadt ist Madaya aus dem Abkommen herausgefallen. Die letzten Kranken und Verwundeten konnten den Ort Ende Oktober verlassen, zur selben Zeit gab es auch die letzte Hilfslieferung.
Für Ghassun und die zwei Dutzend anderen Patienten, die unter akutem Nierenversagen leiden, ist das Ausharren in Madaya ein Todesurteil. Sie brauchen dringend eine regelmäßige Dialyse.
„Hier können wir sie nicht behandeln“, sagt Dr. Darwisch, „es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder sie verlassen Madaya oder sie sterben.“
Übersetzung: Thore Schröder

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