Von Mahmud a-Schimali, Rami al-Khattib, und Justin Clark (Übersetzung: Thore Schröder)

IDLIB: An einem Mittwochabend Ende vergangenen Monats drang die Botschaft aus den Lautsprechern an den Minaretten von Saraqeb in Nord-Syrien: Kein Aufruf zum Gebet war zu hören, sondern die Aufforderung an alle Männer, auf die Straße zu gehen.

Grund waren die Spannungen zwischen den Islamistengruppen in der Region. Jabhat Fatah a-Scham (JFS), vormals Teil von al-Qaida, hatte mehrere nationale Gruppen und die Freie Syrische Armee (FSA) angegriffen, nachdem diese an den politischen Diskussionen mit dem Regime in Kasachstan teilgenommen hatten. Daraufhin hatten Ahrar a-Sham und andere Gruppen JFS mit Schnellfeuergewehren und Artillerie in der Bergregion Jabal a-Zawixya, 20 Kilometer südlich der Stadt Idlib, angegriffen. Bis zum 25. Januar hatte JFS fünf Soldaten – darunter einen Befehlshaber – getötet; außerdem wurden fünf Zivilisten verletzt oder getötet. Das berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.                                                                                                                    

Am selben Tag bekam die Lokalregierung von Saraqeb die Nachricht, dass ein JFS-Konvoi die Stadt passieren würde, um sich am Kampf in Jibal al-Zawiya zu beteiligen. Dagegen wollten die Verantwortlichen vorgehen und gaben die Nachricht von den Minaretten in Auftrag.

Gleichzeitig blockierten Demonstranten aus dem Ort Straßen, verbrannten Reifen an einem Checkpoint und hinderten den Konvoi letztlich an der Durchfahrt. JFS gab nach. In einer gemeinsamen Botschaft mit Ahrar a-Sham erklärten die Lokalregierung, JFS und andere lokale Kämpfer, dass Saraqeb neutral ist in den Machtkämpfen und Militärkonvois die Durchfahrt verboten ist.

Die Ereignisse in Saraqeb sind ein Beispiel für den unbewaffneten zivilen Widerstand gegen die Kämpfe, die nicht nur das Leben der Bewohner sondern auch die Revolution gefährden. Seitdem die Fehden am 20. Januar begannen, haben lokale Initiativen in Idlib und in dem von der Opposition kontrollierten westlichen Teil der Region Aleppo Proteste organisiert, Erklärungen veröffentlicht und – im Fall von Saraqeb – militärische Manöver verhindert.

„Eure Kämpfe verletzen unsere Revolution schwer“, war auf dem Schild eines Demonstranten in Maarat an-Numan im Zentrum der Provinz Idlib zu lesen. Wie bereits Saraqeb erklärte auch Kufr Roma, im Süden der Provinz Idlib, seine Neutralität, um jegliche Intervention in seinen Angelegenheit zu verhindern. Diesem Beispiel folgten sodann 20 weitere Lokalräte.

Die Rebellen reagieren auf die Machtkämpfe

Ahmed Qurra Ali, Sprecher der Gruppe Ahrar a-Sham, veröffentlichte eine Erklärung, in dem die Zivilisten für ihren Widerstand gelobt wurden. Danach lag die Beilegung der Kämpfe auch an dem Einsatz von Familien, deren Söhne in verschiedenen Gruppen aktiv sind. „Der Druck der Zivilisten hat genügt, um die Machtkämpfe zu beenden“, sagt er.

Währenddessen hatten sich im vergangenen Monat einige der mit JFS verfeindete Gruppen Ahrar a-Sham, einer der größten und stärksten Rebellengruppen, angeschlossen und sich so letztlich unangreifbar gemacht.

Als Reaktion darauf gab JFS am 28. Januar bekannt, dass sich verschiedene andere Rebellengruppen unter ihrer Führung und dem Namen Hay’at Tahrir a-Sham verbinden. Die Auseinandersetzung beruhigte sich, doch dann brachen neue Kämpfe aus zwischen Hay’at Tahrir a-Sham und den Hardcore-Islamisten in der Dschund al-Islam-Fraktion, denen Verbindungen zum sogenannten Islamischen Staat vorgeworfen wurden.

Syriens Kain und Abel

Der 45-jährige Ismail Mohammed hat zwei Söhne. Der Ältere kämpft für JFS, der jüngere für Ahrar a-Sham. Für Mohammad waren die vergangenen Wochen besonders hart, sagt er im Gespräch mit Syrian Voice. Er fürchtete, dass die Kämpfe auch auf sein eigenes Haus übergreifen, dass seine Familie ihre eigene Geschichte von Kain und Abel erleben würde. Deswegen hatte er sich etwas überlegt: „Als die Kämpfe begannen, habe ich meinen Sohn Mohammed überredet, einen Laden zu eröffnen. Meine anderen Sohn Ahmed habe ich dafür bezahlt, ein neues Haus direkt neben unserem alten zu bauen. Dadurch waren sie zu beschäftigt, um zu kämpfen.“