Von Mahmud a-Shimali und Justin Clark (Übersetzung: Thore Schröder)

IDLIB: Was man dieser Tage so auf Facebook findet, wenn man „Idlib freier Markt“ eingibt: Elastanpyjamas, eine 1983er Nissan-Limousine, eine Kaffeetisch, ein deutsches PKS-Maschinengewehr und eine Kalaschnikow. Die öffentliche Gruppe, auf der sich die internationalen Kriegswaffen finden, ist bloß eine von vielen solcher Foren bei Facebook, wo syrische Waffenhändler ihrem Geschäft nachgehen. Flankiert werden die Einträge von Werbebannern für Sturmgewehre, Schalldämpfer und panzerbrechende Raketen.

Dabei hatte Facebook im Januar 2016 erklärt, dass es jeglichen Waffenhandel – darunter auch den legalen – auf seinen Seiten verbieten würde. Trotzdem hat Syrian Voice nun mehrere Gruppen aus der Provinz Idlib gefunden. Eine einfache Suchanfrage auf Arabisch genügte. Im Februar hatte die New York Times bereits berichtet, dass das soziale Netzwerk ein Waffenhandelsforum für Syrien, den Irak, Libyen und andere Krisenländer geworden ist. Auch Waffen aus US-Beständen, die für moderate Oppositionsgruppen gedacht waren, fanden sich bei Facebook.

„Neues deutsches PKS Maschinengewehr, $1000“ Credit: Facebook

Einer der Profiteure des schwunghaften Handels ist Mohammed a-Sweide aus Idlib, dessen echter Name hier nicht genannt werden soll. Er verfügt über ein reiches Angebot, von automatischen Gewehren über Panzergeschosse, 20- und 40-Milimeter-Raketen bis hin zu bunkerbrechenden Faghout-Raketen. Die Preise variieren. Lokale Händler vertrieben sogar unkonventionelle Waffen wie Pistolen, die wie Uhren aussehen, erzählt der Waffenhändler.

Lokale Milizen würden sich mit „Sonderwünschen“ an ihn wenden, aber im Prinzip sei sein Angebot für alle offen. Die Geschäfte werden über den Messagingdienst Telegram abgewickelt. Mit seinem Business verdient der Syrer eine Menge, alleine 3.5000 Dollar als er im vergangenen Monat vier russische Konkurs-Raketen verkaufte.

Der schwunghafte Waffenhandel auf Social Media ist ein Indiz für die Rechtlosigkeit in den Oppositionsgebieten Syriens, wo Milizen auch das zivile Leben bestimmen und die Durchsetzung von staatlicher Macht unmöglich machen. So muss die örtliche Polizei dem Treiben tatenlos zusehen, obwohl sie fürchtet, dass einzelne Waffen bei Anschlägen zwischen verfeindeten Rebellengruppen zum Einsatz kommen. Das berichtet ein Polizeioffizier im Gespräch mit Syrian Voice.

Alleine im Januar und Februar verzeichnete die von der Opposition aufgestellte Polizei in der Provinz mehr als 30 Morde; darunter mehrere, bei denen besagte unkonventionelle Waffen verwendet wurden, die über Facebook zu bekommen sind, erzählt Polizist Hussein al-Hasyan.

„Russische Waffe, nur für offiziele Käufer, haha“ Credit: Facebook

Gezielte Tötungen gehören mittlerweile zum Alltag in Idlib, insbesondere nachdem die Beziehungen zwischen verschiedenen Rebellengruppen vergangenes Jahr zu Bruch gingen und im Januar gewaltsame Kämpfe folgten. Am 25. Dezember ermordeten unbekannte Attentäter zwei Anführer der Freien Syrischen Armee in deren Hauptquartier in Marrat a-Numan und benutzten dabei schallgedämpfte Waffen. Im Oktober wurden auf gleiche Weise neun Offizieren von Jabhat Fatah a-Sham (jetzt bekannt unter Hayyat Tahrir a-Sham) und der Sham-Brigade an ihren Checkpoints getötet.

Kampf gegen den Schwarzmarkt

„Der Kampf gegen den Schwarzmarkt würde enorme Anstrengungen kosten und unter Umständen auch internationaler Hilfe bedürfen“, erklärt der Polizeibeamte al-Hasyan. „Unser größtes Problem sind dabei die Kämpfe zwischen den verschiedenen Fraktionen.“

Nabil a-Rafae, Waffenhändler aus Ariha im Norden der Provinz, sagt, dass es nur ein Regulativ gibt bei seinem Geschäft: die „Moral“ des Verkäufers. Laut seinem Kollegen a-Sweide gehören zu seinen Kunden neben den Rebellengruppen auch Mitarbeiter der Polizei.