Von Eyad Mohammed Mudhar und Avery Edelman (Übersetzung: Thore Schröder)

AMMAN: Die syrische Armee braucht mehr Soldaten. Deshalb kündigte sie Ende März eine Veränderung der Aufschub-Regelungen für Studierende an. Danach sollen nicht mehr alle Studenten vorübergehend vom Wehrdienst befreit bleiben.

Die Entscheidung des Generalstabs wurde am 26. März bekanntgegeben; sie besagt, dass Studenten, die ein Fach studieren, in dem sie nicht bereits einen „verwandten“ Abschluss vorweisen können, künftig keinen Aufschub mehr bekommen sollen. Das gilt auch für bereits beschlossene Fälle.

Der Militärdienst ist in Syrien verbindlich für alle Männer im Alter von 18 bis 42 Jahren. Trotzdem leidet die Armee nach den Worten des Präsidenten Baschar al-Assad unter „einem Mangel an menschlicher Kapazität“, Gründe sind Erschöpfung, Desertierende und schwere Verluste im seit sechs Jahren anhaltenden Konflikt.

Bisher haben viele junge Syrer versucht, der Musterung zu entgehen, indem sie ihre Studien nach dem Erwerb des ersten Abschlusses verlängerten. Viele, die nicht in anderen Master-Studiengängen oder Promotionsprogrammen unterkamen, entschieden sich für ein weiterführendes Pädagogik-Studium. Damit verbunden war auch ein zweijähriger Aufschub beim Militärdienst. Von nun an aber sollen das nur noch diejenigen dürfen, die vorher Fächer wie Geschichte, Soziologie oder Arabisch studiert haben. Das erklärte General Samer Suleiman, der verantwortliche Pressesprecher im Verteidigungsministerium. Dass sich in der Vergangenheit viele für das Pädagogik-Diplom angemeldet hätten, sei „nicht logisch“.

Nach der Ankündigung steigt nun die Angst an den Universitäten vor der auch vorher bereits willkürlichen Rekrutierungspraxis des Regimes. Einem Bericht des Dänischen Einwanderungsdienstes von 2015 zur Folge gibt es in den vom Regime kontrollierten Gebieten „eine Erosion der Rechtstaatlichkeit“, weshalb die Regeln beim Wehrdienst schwer zu interpretieren sind; auch kann man sich nicht sicher sein, welchen Wert das Regime ihnen beimisst.

Syrian Voice hat mit Ibrahim Abu al-Jowd gesprochen, der an der Universität Damaskus Pädagogik studiert. Er hatte einen Abschluss in Arabisch erworben und ist deshalb von der Regeländerung nicht direkt bedroht – trotzdem überlegt er zu fliehen. Die Bekanntmachung hält er für „einen schweren Schlag“ für die Studenten. Al-Jowd hatte sich, trotz hoher Kosten, für das Studium angemeldet, in der Hoffnung, so dem Militärdienst zu entgehen.

Awni Abdul Hadi, ein Soziologie-Student im vierten Studienjahr, sagt die Neuregelung diene den Interessen des Militärs und denjenigen, die an illegaler Migration verdienen. Das Regime sucht gezielt nach Studenten für den Wehrdienst, ergab eine Studie des Institute for the Study of War aus dem Jahr 2014. Danach würden Checkpoints in der Nähe von Universitäten aufgebaut, um junge Männer herauszugreifen.

Doch die neuen Regeln gehen darüber hinaus, nun werden Studenten noch wesentlich gezielter ins Visier genommen, sagt Sami Numeira, ein Student in Damaskus: „Die syrische Jugend ist alarmiert.“ Seiner Meiniung nach müsse man die Entscheidung, ob man dienen möchte, den jungen Männern freistellen.

Einer Verlautbarung des syrischen Verteidigungsministers General Fahd Jassem al-Farik Mitte März zu Folge „gab es einen Anstieg (bei der Zahl) fälschlicherweise verhafteter Bürger, die den Militärdienst (vermieden haben), dies hat den Ruf der Armee in Mitleidenschaft gezogen.“ Darin hieß es weiter, dass die „entsprechenden Stellen in allen Regionen keine Personen verhaften, die nicht zum Reservedienst aufgefordert wurden.“

Um die Zahl der Rekruten zu heben, hatte die Armee bereits einen Freiwilligen-Korps, „die Fünfte Legion“, aufgestellt, wie sie im vergangenen November bekanntgab. In ihrem Aufruf bat die Führung um Freiwillige, die dabei helfen „den Terrorismus zu eliminieren“ und „Sicherheit und Stabilität“ in das Land zurückbringen.

Die Syrische Armee bei der Bekanntgabe der Aufstellung der Fünften Legion (SANA)

Die Fünfte Legion rekrutiert sich aus Zivilisten, die nicht bereits eingezogen wurden, sowie aus vorherigen Deserteuren und Regierungsmitarbeitern. Sie bietet ein Monatsgehalt und Jahresverträge, und ist damit eine attraktive Option für syrische Jugendliche in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit und Armut. Das Syrian Center for Policy Research schätzt, dass mehr als 60 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung in Syrien arbeitslos ist.