Übersetzung: Thore Schröder

Die jüngsten Entwicklungen könnten das Leben in Idlib noch schwieriger machen. Nachdem die Türkei angekündigt hat, dass der Import „nicht-humanitärer“ Güter über den Grenzübergang Bab al-Howa unterbunden werden soll, fürchten die Menschen ernsthaft um ihre Versorgung. Bab al-Howa ist die Lebensader des von der Opposition beherrschten Gebiets, das vor kurzem von den Tahrir-ash-Sham-Miliz in Besitz genommen wurde. Sie hatte am 23. Juli den Kampf gegen ihre Rivalen von der Organisation Ahrar ash-Sham gewonnen. Ahrar ash-Sham ist eine von der Türkei unterstützte Salafisten-Gruppe, Tahrir ash-Sham war aus der Fusion verschiedener Salafisten-Gruppen mit der al-Nusra-Front hervorgegangen.

Gerüchten zufolge sollen die Hilfen an die Region wegen der nun dort herrschenden Tahrir-ash-Sham-Miliz gekappt werden. Hinweise darauf sind offizielle Verlautbarungen verschiedener Stellen. So hat die syrische Übergangsregierung Anfang des Monats mitgeteilt, dass ihre Mitarbeiter in dem Gebiet von nun an wie Freiwillige behandelt werden sollen, ähnliches erklärte die Gesundheitsdirektion des freien Idlib.

Dr. Jawad Abu Hatab sagt gegenüber The Syrian Voice, dass „die Entscheidung der Übergangsregierung viele Folgen hat, unter anderem die Scheu vieler Geber, weiter zu zahlen.“ Nach dem Sieg von Tahrir ash-Sham haben einige Organisationen ihre Arbeit zunächst weitgehend unverändert fortgeführt. Aber die Einstufung als Terrororganisation sorgt nun für Spekulationen. Eine entscheidende Frage ist: Was wenn kein Geld mehr über die Grenze kommt?

Ein Korrespondent dieser Website in Idlib sprach mit Osama al-Hussein, der für die Organisation Uossm arbeitet. Der Projektleiter sagt: „Bisher gibt es noch keinen Rückzug von Organisationen, allerdings passen die vielen Gerüchte zu dem Chaos, das die Provinz Idlib erlebt, mitten im Konflikt zwischen Ahrar ash-Sham und Tahrir ash-Sham.“

Die Organisation Syria Relief and Development (SRD) arbeitet in der Region Idlib und stellte zu Ende Juli die Zahlungen für einige ihrer Projekte ein. Abeed Dendousch, ein SRD-Manager, erklärt gegenüber The Syrian Voice, „dass die Zahlungen für einige unserer Projekte tatsächlich ausgelaufen sind, aber das ist eine Routinevorgang. Wir haben Gelder von anderer Stelle bekommen und können unsere Arbeit fortsetzen.“ Er betont, dass Organisationen wie SRD immer kurzfristig arbeiten, je nach Zielsetzung und den involvierten Parteien. Ja, es könne passieren, dass einige Zahlungen nun eingestellt werden; dabei handle es sich aber insbesondere um das Geld des Qatar Charity Instituts und der RAF Foundation. Hier seien die Gründe dann aber in der aktuellen Krise zwischen den Golfstaaten und Qatar – und nicht im Sieg von Tahrir ash-Sham – zu suchen.

Wenn Organisationen ihre Arbeit tatsächlich einstellen, würde dies als erstes Auswirkungen für die Zivilbevölkerung und als zweites auf die Mitarbeiter haben. Das Engagement habe in den vergangenen Jahren auch nicht zu einer substanziellen Verbesserung der Lebensumstände sondern lediglich zu einer Linderung der Not geführt.

Ein Blick auf die Zahlen lässt das Ausmaß eines möglichen Rückzugs erkennen: Die Organisation Violet Syria etwa bezahlt rund 200.000 Dollar monatlich für die Arbeit in Nord-Syrien. Ihr stellvertretender Landesdirektor Fuad Sayyed Issa schätzt, dass etwa zehn Organisationen jeweils 200.000 bis 400.000 Dollar im Monat in den Norden des Landes (Idlib und das ländliche Gebiet des Bezirks Aleppo) pumpen und etwa 100 bis 200 Organisationen zahlen an die 100.000 Dollar monatlich. Zuletzt gäbe es mehr als 300 Organisationen, die monatlich Beträge unter 10.000 Dollar ausgeben.

Violet Syria hat in den vergangenen acht Monaten knapp 10.000 Dollar in Fördermitteln für verschiedene gesellschaftliche Stellen und Gruppen ausgegeben. Ein anderes Programm finanziert öffentliche Beschäftigungsmaßnahmen in der Region. Dafür allein würden 200.000 Dollar im Monat benötigt.

Die Zahlen vermitteln einen Eindruck von der Relevanz der Hilfsgelder für die Wirtschaft in den „befreiten Gebieten“ des Nordens. Samir Qawas, der Hilfsorganisationen in finanziellen Dingen berät und für die Organisation People in Need arbeitet, sagt: „Für die Gebiete sind diese Zahlungen eine Lebensversicherung.“ Damit werde die Wirtschaft auf vielfältige Wege am Laufen gehalten. In erster Linie geht es um Gehälter für Freiwillige und Belegschaften, um Zahlungen für Rohstoffe und Tauschgüter, um Cash-flow und den Kauf von Gütern und Dienstleistungen innerhalb Syriens.“

Hassam al-Shamy, der als Wirtschaftsexperte für eine Hilfsorganisation in der Türkei arbeitet, erklärt allerdings, „dass das Geld der Hilfsorganisationen aus dem Ausland und die Bezahlung in syrischer Lira zur langsamen Abwertung der Währung beiträgt.“

Die Gesamtsumme der nach Nord-Syrien transferierten Hilfsgelder ist nur schwer zu ermitteln, auch weil es keine zentrale Finanzverwaltung für das Gebiet gibt. Aber die einzelnen Zahlen zeigen, dass die Gelder, die mit den Hilfsorganisationen über die Grenzübergänge ins Land gelangen, entscheidend sind für den Zustand der Wirtschaft dort, und dass die Konsequenzen bei einem Zahlungsstopp gravierend wären.