Von Mahmoud a-Shimali und Tareq Adely

In den Oppositionsgebieten Syriens ist das offizielle Finanzsystem zusammengebrochen, deshalb sind Bewohner und Hilfsorganisationen auf informelle Kanäle angewiesen. Als der Krieg begann, verließen Finanzdienstleister wie Western Union schnell das Land; offenbar eine Vorsichtsmaßnahme, um die Finanzierung von Terrorismus zu verhindern. Dafür traten sogenannte Hawala-Unternehmen auf den Markt, unlizensierte Transferunternehmen, die von nun an den Zahlungsverkehr regelten, ob Geldsendungen von Familienmitgliedern im Ausland oder das Gehalt von Hilfsorganisationen. Die Risiken liegen auf der Hand: keine Regeln, keine Dokumentation.
„Bei Zahlungen, die in die Regimegebiete fließen, sind beide Parteien abgesichert“, erklärt der Leiter einer Hilfsorganisation im von der Opposition gehaltenen Idlib gegenüber Syrian Voice. Der Mann, der anonym bleiben möchte, sagt weiter: „Dagegen haben wir hier keine Belege.“ Viele Syrer sind auf das Hawala-System angewiesen, sie können sich nicht wehren gegen hohe Provisionen und die Ausnutzung ihrer Situation.
„Teil der Strategie des Belagerns und Aushungerns“
Hawala – auf deutsch: Transfer – gibt es in Syrien nicht erst seit dem Krieg. Bis zur Verabschiedung von Gesetz Nummer 24 in der syrischen Volkskammer im März 2006 wickelten viele Menschen ihre Auslandsgeschäfte über unlizensierte Dienstleister ab. Bis 2011 war das Hawala-System eine Alternative zum offiziellen Banksektor: keine Bürokratie, kein Papierkram und mit einem weitreichenden Filialnetz in den kleinen Gemeinden. Heute ist Hawala für viele Syrer die einzige Option. Von über einem Dutzend vor Ausbruch des Krieges sind bloß noch sechs Transfer-Dienstleister im Land geblieben, allerdings einzig in von dem Regime kontrollierten Gebieten.
Der größte von ihnen, al-Haram Exchange, ein syrisches Partnerunternehmen von Western Union, hatte drei Filialen in der Provinz Idlib. Aber als die Region unter die Kontrolle der Opposition kam, wurden diese sofort geschlossen.  „Dabei ging es nicht um die Sicherheitslage“, sagte Raschad al-Kattan, Analyst an der Universität St. Andrews in Schottland, in einem Interview mit Al Jazeera, „es war vielmehr eine Bestrafung des Regimes für diese Gemeinden, sie sollten vom Bank- und Finanzsektor ausgeschlossen werden – das war Teil der Strategie des Belagerns und Aushungerns.“
Ganz düster wurde die finanzielle Lage für die Menschen in den Rebellengebieten, als die Türkei im März 2015 die letzten beiden noch geöffneten Grenzübergänge schloss. „Ich habe Kinder, die in der Türkei arbeiten, sie haben mir Geld geschickt, indem sie es Menschen, die nach Syrien kamen, mitgegeben haben“, erzählt Abu Ahmed, ein Landbewohner in der Nähe von Idlib. „Seit der Schließung der türkischen Grenze sind die Hawala-Büros die einzige Möglichkeit, trotz der hohen Provisionen, die sie von den Transferzahlungen abziehen.“
Überweisungen „auf der Grundlage von Vertrauen“
Abu Basel führt sein Geschäft im Süden der Provinz Idlib, gegenwärtig unter Kontrolle der Opposition. Er ist Eigentümer eines Hawala-Büros und kümmert sich jeden Tag um 15 bis 20 Transfers, Summen zwischen 4000 und 5000 Dollar. Wie die meisten wickelt auch Hawala-Unternehmer Abu Basel alle Geschäfte in US-Dollar ab, wegen der Wechselkursschwankungen und dem geringen Wert des Syrischen Pfunds. „Wir haben Mitarbeiter in den meisten Ländern“, sagt der Unternehmer zu Syrian Voice. „In der Türkei haben wir Mitarbeiter in allen Regionen und unseren Hauptsitz in Rihaniya.“
„Der Sender des Geldes trifft sich mit einem unserer Mitarbeiter, der das Geld dann nach Rihaniya weiterleitet“, erklärt er. Die Summe wird an den Empfänger im syrischen Oppositionsgebiet ausgezahlt, nachdem die Zahlung durch „ein spezielles Kommunikationssystem“ bestätigt wurde. So drückt es Abu Basel aus, genauer will er es nicht erklären.
Einige Hawala-Büros verlangen die Vorlage eines Ausweises bei der Auszahlung, aber wesentlich dafür sind längst verschlüsselte Messenger-Dienste wie Whatsapp oder Telegram, wie eine Studie der britischen Firma Beachwood International herausfand. Es läuft zum Beispiel so: Ein Syrer in der Türkei trifft einen Mitarbeiter von Abu Basel in einem Reisebüro, Call-Shop oder lizensiertem Transfer-Büro, dort gibt er ihm 500 Dollar und schickt gleichzeitig eine Whatsapp-Nachricht an sein Familienmitglied in Syrien. Abu Basels Hauptsitz und ein Mitarbeiter in der Türkei wickeln dann den Rest des Geschäfts ab.
In der Vergangenheit konnten Syrer persönlich Cash über die Grenze transportieren, aber das ist kaum mehr möglich. Wenn ein Importeur jetzt Güter aus der Türkei haben will, zahlt er das Geld erst an einen Mitarbeiter Abu Basels im Rebellengebiet und kann die Summe dann in seinem Büro in Rihaniya abholen. Als positiver Nebeneffekt wird dadurch die Bilanz des Hawala-Unternehmers ausgeglichen – Geld fließt auch in die andere Richtung. Die informellen Gelddienstleister berechnen mindestens zwei Prozent Kommission, aber sie nehmen bis zu fünf oder sieben Prozent, wenn es um Zahlungen aus oder in belagerte Gebiete geht, erklärt Abu Abdo, Inhaber eines Hawala-Büros in Ost-Ghouta bei Damaskus gegenüber Syrian Voice. In besonderen Fällen, wie bei den schwer umkämpften Rebellenvierteln Aleppos, betrug die Kommission bis zu 30 Prozent, berichtete Middle East Eye vergangenen Monat.
Aber auch Hilfsorganisationen haben das Hawala-System genutzt, um Cash-Hilfen in schwer erreichbare und belagerte Regionen zu schicken. „In weiten Teilen Syriens, wo die humanitäre Lage düster bleibt, werden die Hawalas genutzt, um die Operationskosten der NGOs zu decken und deren Lieferanten zu bezahlen“, stellte ein Bericht des Norwegian Refugee Council im Juli 2015 fest: „Hawala ist das einzige potenziell anpassungsfähige Transfersystem.“
„Es ist schwierig, ein monatliches Einkommen zu bekommen“, sagt Mohammed Ali, Angestellter einer Menschenrechtsorganisation außerhalb Syriens, gegenüber Syrian Voice. Das liegt an der Grenzschließung und den hohen Kommissionen, aber vor allem sorgen sich die NGOs und Zivilisten über den Mangel an Dokumentation. „Die arbeiten auf dem Schwarzmarkt, also gibt es keine Bücher, keine Kontrolle und niemanden, an den man sich wenden kann, wenn ein Fehler passiert oder jemand betrügt“, sagt Ali. In den meisten Fällen stellen Hawala-Operateure keine Quittungen oder Belege aus, erklärt der Direktor einer syrischen Hilfsorganisation, der anonym bleiben will. „Wir arbeiten auf der Basis von Vertrauen, aber ohne Regeln laufen sowohl Sender als auch Empfänger Gefahr, ausgenutzt und betrogen zu werden.“
Vielen Syrern bleibt keine Wahl. „Wir arbeiten mit Brokern, aber es gibt eben keine Alternativen“, sagt Rami Othman, Verwalter einer in Idlib ansässigen Organisation: „Unsere Arbeit muss weitergehen.“
Geldwechsel im Dunkeln
Der Rückzug der etablierten Finanzdienstleister aus den Rebellengebieten ist nach hinten losgegangen. „Der massive Wachstum des Hawala-Geschäfts in Syrien ist ein vollkommen neuer Bereich für das Risikomanagement, der erst noch untersucht und verstanden werden muss“, hieß es in einem UN-Bericht vom Mai 2016, in dem es um die Folgen von Sanktionen ging. „Das Risiko, dass durch diese Zahlungsmethode die von der UN sanktionierten Terroristengruppen profitieren, kann nur als höher eingeschätzt werden als bei den herkömmlichen Transferkanälen.“
Die Erforschung von Finanzströmen von oder für Terrororganisationen ist zur Suche nach der Nadel im Heuhaufen geworden. Beachwood International warnt bei Hawala vor den „absichtlichen oder unabsichtlichen Mechanismen, die die Herkunft von Geldern verschleiern.
Für die Syrer in Rebellengebieten ist das alles einerlei, sie sind darauf angewiesen – für ihren Lohn, für Rücküberweisungen aus dem Ausland und um der größten Armut zu entgehen. So werden die Dienste der Hawala-Unternehmer weiter wachsen, der von ihnen geschaffene Finanzuntergrund in Syrien boomt.
Übersetzung: Tariq Adely / Thore Schröder