Übersetzung: Thore Schröder

 

Die türkischen Behörden haben am Montag den Grenzübergang Cherbet al Joz gesperrt, über den bisher humanitäre Hilfe das Oppositionsgebiet von Idlib erreicht hat. Die Grenzstation liegt westlich der Stadt und wurde geschlossen, nachdem die Islamisten-Miliz Tahrir ash-Sham die Provinz Idlib und den Übergang selbst erobert hatte und die mit ihr verfeindete Miliz Ahrar ash-Sham geflohen war.

Cherbet al Joz liegt etwa 36 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt und ist besonders wichtig für den Transit von Ärzten und Patienten von und nach Syrien. Die Schließung des Übergangs folgt etwa eine Woche, nachdem die türkische Regierung bereits den Übergang Bab al Howa wegen angeblicher Renovierungsarbeiten gesperrt hatte.

Am 18. Juni brachen Kämpfe zwischen Tahrir ash-Sham und Ahrar ash-Sham in Idlib-Stadt aus und breiteten sich bald auf die ganze Provinz aus. Das Verhältnis der beiden Milizen ist angespannt seitdem sich im Januar einige Einheiten von Fatah ash-Sham (vormals: al-Nusra) aufgelöst hatten und Tahrir ash-Sham unter der Führung von Hasem al-Scheikh, dem früheren Anführer von Ahrar ash-Sham, gegründet wurde.

In einer Sprachnachricht an Syrian Voice erhob Abu Mohammed al-Saahily, Verwalter von Cherbet al Joz auf der syrischen Seite, den Vorwurf, dass Mitglieder von Tahrir ash-Sham den Übergang gestürmt und verwüstet und die Menschen dort erniedrigt hätten. Die Station sei „gesperrt, sowohl für humanitäre Nothilfe als auch für Brotlieferungen“, nunmehr lasse man selbst einige Frühgeborene und Meningitis nicht mehr passieren.

Al-Saahily zufolge ist die Lage besonders katastrophal, weil sich viele syrische Ärzte in der Türkei aufhalten und nicht etwa in den Krankenhäusern an der syrischen Küste, etwa in Ain al-Baida oder Bernas, arbeiten, wo sie gebraucht werden.

Dem Verantwortlichen zufolge sind Cherbet al Joz und Bab al Howa „die Lungen“ des Oppositionsgebiets. So gelangten alleine über Bab al Howa täglich 10.000 Packungen Brot ins Land, weitere 30.000 über Cherbet al Joz. Nun gehen in der Provinz Idlib die Mehlreserven zur Neige. Eine anonyme Quelle im Gesundheitssystem von Idlib erklärte gegenüber Syrian Voice, dass „die Folgen für die medizinische Versorgung nicht innerhalb der nächsten Stunden zu spüren sein werden“; aber in naher Zukunft seien schwere humanitäre Folgen zu erwarten.

Für die Menschen in der Provinz ist die Schließung der beiden Grenzübergänge eine zusätzliche Sorge in einer furchtbaren Zeit, in der sie auch die über sie herrschenden Fraktionen fürchten müssen. Einer weiteren Quelle von Syrian Voice zufolge, könnte alles, was die Menschen sagen, gegen sie verwendet werden.

Die neue türkische Politik der Abschottung und Schließung von illegalen Grenzübergängen ist katastrophal für die Oppositionsgebiete, insbesondere für die Kranken und Verwundeten, die von der vorher schon angeordneten „Rationierung“ der Grenzübertritte betroffen sind.

Potentiell könne die Schließung von Cherbet al Joz „jahrelange Stagnation“ für die Menschen von Idlib bedeuten, glaubt Abu Mohammed al-Saahily.